Profil fragt: „Was kann er besser?“


Eine Innenpolitik-Redakteurin des österreichischen Magazins PROFIL macht sich auf die Suche nach der Spur des Phänomens Andreas Gabalier und stellt die Frage: „Was kann er (Andreas) besser?


Andreas Gabalier ist derzeit die heißeste Ware im österreichischen Musikgeschäft. Etwas mehr als drei Jahre nach seinem ersten Fernsehauftritt hat der 27-jährige Grazer schon alle Rekorde gebrochen, die auf dem heimischen Markt zur Disposition standen. Sein Hit „I sing a Liad fia di“ ist, gemessen an den Chartplatzierungen, die erfolgreichste Single aller Zeiten und pickt seit fast 100 Wochen in der Hitparade. Gaba­lier verkaufte bisher rund 700.000 Tonträger, spielt grundsätzlich vor ausverkauften Häusern und füllte im Mai auch die Wiener Stadthalle problemlos.

Die Dimensionen seiner Popularität kann ermessen, wer in der Internetsuchmaschine Google die Buchstaben „an“ eingibt. Als einer der ersten Treffervorschläge kommt Andreas Gabalier. Angelina Jolie liegt deutlich weiter hinten. Irgendetwas muss der junge Mann sehr viel besser beherrschen oder ganz anders machen als die Konkurrenz. Nur was?

Ein paar Antworten darauf gibt es: Gabalier textet und komponiert seine Songs selbst. Das machen nur wenige Interpreten, im Volksmusik-Biotop sind es eher noch weniger. Er spielt mit seiner Band grundsätzlich live und nicht Playback. Auch das ist nicht die Regel. Er hat sich eine Aufmachung mit hohem Wiedererkennungswert verpasst: rot-weiß karierte Sonnenbrille, fett gegelte Elvis-Haartolle, kurze Lederhose, kariertes Schnäuztuch ums Handgelenk und obenrum gern mal nackt. Selbst wer die Details schaurig findet, vergisst sie nicht so schnell. Der Mikrofon-ständer auf der Bühne besteht aus Wurzelholz und ist mit einem Rehgeweih sowie diversen Stofftieren verziert. Sonderlich praktisch ist das schwere Trumm zwar nicht, aber originell. Singen kann Gabalier auch, jedenfalls besser als Hansi Hinterseer – und der lebt ja ebenfalls ganz gut davon.

Außerdem hat der Mann eine abgeschlossene Schulbildung, ist jung, nicht unattraktiv und wirkt trotz seiner Maskerade weniger synthetisch als viele Kollegen. Sogar der Name ist echt: Gabalier heißt wirklich Gaba­lier. Angeblich war der Ururahn vor etwas mehr als 200 Jahren mit den napoleonischen Truppen in die Steiermark gekommen und hier geblieben. Weil es so schön ist „bei uns dahaam“, eh klar.

Das sind, in Summe, nicht wenige Bonuspunkte. Doch den Katapultstart, den der Steirer hingelegt hat, erklärt das alles nicht hinlänglich. Im Sommer 2008 hatte Gabalier, damals Jusstudent, zwei selbst fabrizierte Songs ins ORF-Landesstudio Steiermark gebracht, im Jänner 2009 bekam er einen Vertrag mit Universal Music, sechs Monate später die erste Goldene Schallplatte. Es war, als hätte Andreas Gabalier einen extrem dringenden Bedarf gestillt, von dessen Existenz bis dahin keiner wusste. Der Letzte, dem so etwas in ähnlicher Geschwindigkeit gelang, war DJ Ötzi. Über zehn Jahre ist das her. Offenbar war die Zeit wieder reif für ein Wunder.

Gabalier sitzt auf dem schmutzig weißen Sofa in seiner Garderobe auf der Seebühne. Wie der toughe Volks-Rock’n’Roller, als der er sich sonst präsentiert, wirkt er hier nicht. Eigentlich sieht er ziemlich brav aus, manierlich, wohlerzogen. Er redet leise und kaum im Dialekt. Dass er jetzt berühmt ist, sei ihm so richtig erst bei der „Echo“-Verleihung in Berlin klar geworden, erzählt er. „Vor mir ist die Katy Perry gegangen, der rote Teppich, ein Wahnsinn. Das war so a Hollywood-Bild.“

Ganz genau weiß er selber nicht, wie ihm das gelingen konnte. „Du musst polarisieren“, vermutet er. Außerdem sei das erste Lied aus einem Gedicht für eine Frau entstanden, in die er damals sehr verliebt gewesen sei. „Das war so a ehrliches, echtes Gefühl. Ich glaub, die Leut haben das gspürt.“ Falls das stimmt, sind die Fans verständnisvoll. Denn ein paar seiner späteren Songs zielen, durchaus genretypisch, nicht aufs Herz, sondern schnurstracks auf den Hosenlatz. „Ich nickte bloß / da war sie schon auf meinem Schoß. Hand in Hand zeigt sie mir / dann die einzige Tür“, heißt es etwa im Liedchen „Meine Stewardess“, das sich – man kann es leider nicht romantischer ausdrücken – um einen Quickie auf dem Flugzeugklo dreht.
Anm.:(Warum die Redakteurin das Spüren eines „ehrlichen Gefühls“ in Frage stellt, nur weil ein paar Song später von einem „Quickie“ gesungen wird, ist verwunderlich.)

Die Musik reicht von langsamen Balladen bis zu rockigen Nummern, die den geübten Zuhörer an die Erweckungsphase der Zillertaler Schürzenjäger erinnern. Völlig neu oder gar revolutionär ist das Repertoire nicht. Alles schon mal da gewesen, auch und vor allem das Weltbild: Gabalier singt über die Schönheit des Landlebens, Frauen existieren nur in Form von „Mäderln“, Liebe hält mindestens ewig, und früher war alles besser.

Dennoch strömen bemerkenswert ­viele junge Fans zu seinen Konzerten. Da stehen sie dann in zuckerlfarbenen Fantasiedirndln und Lederhosen aus dem Internetversand, halten die Smartphones in die Höhe und trällern „I hob a Engal gsehn /üwa die Stroßn gehen / es hot so liab glocht / in ana Samstagnocht“. Die Mu­sikindustrie findet das großartig. Endlich wieder ein Hoffnungsträger. Endlich einer, der den Jungen gefällt – und nicht bloß der Generation 75 plus, die mit Hörgerät und Stützstrumpf beim „Musikantenstadl“ schunkelt. Anm.: (Eine Beleidigung des „Musikantenstadls“, die sich die Autorin ersparen hätte können, denn auch der „Stadl“ zieht immer mehr junges Publikum an!)

Klaus Bartelmuss, Manager von Gabalier und ebenfalls ein extrovertierter Steirer, wälzt schon ganz große Pläne. Er kann sich vorstellen, mit seinem Star ins nicht deutschsprachige Ausland zu expandieren. In die USA zum Beispiel, warum nicht? „Ob er auf Englisch oder auf Deutsch singt, ist egal“, glaubt er. „Ich weiß, dass die Leut in drei Minuten auf seiner Seite sind.“  Auch ein Film wäre was Feines. Keine Doku, sondern ein richtiger Spielfilm mit Andreas Gabalier in der Hauptrolle. Grenzen gibt es keine, und Bartelmuss plant am liebsten im großen Stil.

…. Andreas Gabalier hätte die ganz normale Biografie eines ganz normalen jungen Mannes aus dem Grazer Mittelstand: der Vater Architekt, die Mutter Lehrerin, drei Geschwister, er selbst besuchte die HTL. Doch in der Familie gab es eine Tragödie, die das normale Leben zertrümmerte. Vor sechs Jahren beging der Vater Selbstmord, noch dazu auf eine besonders schreckliche Weise: Er hatte sich mit Benzin übergossen und angezündet. Ohne Abschiedsbrief, ohne Erklärung. Die ganze Familie stand unter Schock, doch am schwersten traf es die kleine Schwester. Zwei Jahre später beging auch sie Selbstmord, wieder mit Benzin.

Andreas Gabalier trägt diese Geschichte nicht offensiv vor sich her, aber er machte auch nie ein Geheimnis daraus. „So was lässt sich eh nicht verheimlichen“, meint er. Das Lied „Amoi seg ma uns wieder“ ist dem Vater und der Schwester gewidmet und kommt bei jedem Konzert. Gabalier sagt, er habe irgendwann beschlossen, sich davon nicht sein Leben kaputt machen zu lassen. Es sollte „nicht die Headline für alles“ werden, was er tut. Doch nach den bizarren Gesetzen des Showgeschäfts ist das private Drama genauso Teil des Erfolgs wie der laszive Hüftschwung und die tiefe, raue Stimme. Das Publikum schätzt Helden mit tragischer Geschichte.

Schließlich hat man selber auch Sorgen, und es tröstet, wenn der Star auf der Bühne noch Schlimmeres erlebt hat. Die Journalisten wiederum haben ein Thema, über das sie sich den Kopf zerbrechen können. „Er hat etwas, das man Tiefe nennen könnte, etwas Existenzielles, das manchmal durchschimmert, in Blicken und im Klang“, analysierte vor Kurzem etwa das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. So feinfühlig geht es in der Berichterstattung über das Humtata-Gewerbe sonst nicht zu.

Auf der Seebühne wird es langsam dunkel. Andreas Gabalier hat die Fake-Lederhose mittlerweile gegen eine richtige getauscht, die Tolle sitzt, das Schnäuztuch ist auf seinem Platz am Handgelenk. Aber er muss noch warten, vor ihm sind die „Seer“ dran. Oft besteht auch das Leben eines Stars nur darin, die Zeit totzuschlagen. Gabalier macht ein paar Klimmzüge am Bühnengerüst. Aus den Stöpseln im Ohr kommt dazu „Old Time Rock ’n’ Roll“ von Bob Seger. Das werde heute nicht sein bester Abend, befürchtet er: „Die Bühne ist zu weit weg vom Publikum. Und die Leut sitzen, das is schlecht. Es is besser, wenn sie stehn.“ Vielleicht werde er ein, zwei Songs weglassen, wenn es ihn nicht mehr freuen sollte, kündigt er an.

Aber dann gewinnt doch die Rampensau in ihm. „Wo san denn meine Madln? Wer von eich braucht heit an feschn Buam?“, ruft er in die Menge. Statt der geplanten eineinhalb dauert das Konzert volle zwei Stunden. Und gegen Ende läuft alles so, wie es sich gehört: Gabalier bringt seine Hits „I sing a Liad fia di“, „So liab hob i di“ und „Sweet little Rehlein“, die Leute stehen auf und drängen nach vorn. Irgendwann fliegt auch der erste BH, violett mit schwarzen Spitzen, ansprechende Körbchengröße. Feuerzeuge, Sternspritzer und Handys leuchten im Dunkeln, und alle singen mit.
Es funktioniert. Und es ist völlig egal, warum.

Ähnlich wie in der Politik! Alles lässt sich nicht planen, schon gar nicht der Erfolg!
Und des ist guat so!

Zum Artikel….

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