Ein Star (der seinen Namen trägt)


Gestern abend strahlte ORF eins eine Zusammenfassung von Andreas Gabaliers Konzert in der restlos ausverkauften Wiener Stadthalle aus. Andy bezeichnete diesen Gig mehrmals für einen Steirerbuam als einen Olymp seiner jungen Karriere.
Selbst die ältere Generation unter uns muss wohl zum Grübeln kommen, wann ein Konzert in den vergangenen Jahrzehnten mehrere Generationen im Publikum so vereinte und eine ähnliche enthusiastische und begeisterte Stimmung auslöste. Auch wenn viele Journalisten versuchen Vergleiche zu ziehen, der Schreiber dieser Zeilen hat selbst bereits mehrere hunderte Konzerte in Europa besucht, ihm ist ehrlich gesagt (geschrieben) kein Vergleich eingefallen – aus einem simplen Grund, bei welchem Künstler singen Kinder und deren Eltern und Großeltern begeistert vom ersten bis zum letzen Lied mit? Tanzen, springen und kreischen vereint? Ja lassen gemeinsam sprichwörtlich die „Sau“ raus?  Zu rockigen und volkstümlichen Klängen? Zu heimatlichen, ja teilweise religiös/spirituellen Texten?

Niemand vermag zurzeit das Phanomän GABALIER zu erklären, ja selbst Andy nicht und kommt in Interviews oft zu dem Schluss, dass es auch für ihn schwer erklärbar sei, aber es  ihm einfach ur-glücklich macht, diese Begeisterung seiner Fans in feschen Dirndlkleidern und Lederhosen, so dass es auch zu deren Lebensgefühl geworden ist!

Vor einem Monat versuchte selbst das österreichische Wirtschaftsmagazin FORMAT das Erfolgsrätsel Gabalier zu analysieren. Wir veröffentlichen hier davon Auszüge:

In der dritten Sitzreihe springt eine junge Frau auf, zu knappes Dirndl, High Heels, magentagefärbte Haare, Bierflasche in der Hand. „Wo ist er denn?“, kreischt rechts vorne ein rotbackiges, dunkelhaariges Mädchen ungeduldig den Opa an, der mit seiner Digitalkamera seit Minuten penetrant in Richtung Backstage-Bereich äugt. Ein Techniker hat sich zwischenzeitlich auf die in blaues Licht getauchte Bühne verirrt und bekommt Szenenapplaus. „Andi, Andi, Andi“, skandieren 1000 Besucher in der Burgarena Finkenstein am Kärntner Faaker See. Es ist 21 Uhr 44.

Doch der Mann mit der Elvistolle und der Lederhose und der umgehängten steirischen Harmonika tänzelt noch den Gang entlang, der von der Garderobe zur Arena führt. Um ihn herum wuselt ein gemütlich aussehender Herr im violett karierten, heraushängenden Hemd. Die Sonnenbrille, der zweitwichtigste Gabalier-Fan-Artikel, sitzt. Die wichtigste Devotionalie, das rot-weiß-rote Stofftuch, ist ums Handgelenk gebunden: alles startklar. Der Weg zur Bühne ist gesäumt mit Speckbroten, Chips und einer Flasche Riesling; mit Spritzbeton an der Decke.

Kurz stimmt der Jungstar „Seemann, lass das träumen“ an, den Freddy-Quinn-Evergreen, ein Probelauf für seine tiefe, ungewöhnlich mächtige Stimme. „Da kommt er!“, ruft das rotbackige Mädchen.

Ein Star (der seinen Namen trägt)

Andreas Gabalier, 27 Jahre, ist dabei, alle Rekorde der volkstümlichen Musik zu brechen. Im April und Mai hat er mit acht Konzerten in Österreich 50.000 Besucher angelockt. Allein beim Abschlusskonzert in der ausverkauften Wiener Stadthalle wollten 12.000 Fans seinen „Volks-Rock-’n’-Roll“ hören, der eine Mischung aus Austropop, Rock und Versatzstücken der volkstümlichen Musik ist. Mädchen fielen in Ohnmacht, Alt und Jung sangen die Gabalier-Texte mit. „So etwas habe ich seit New Kids on the Block Anfang der Neunziger nicht mehr erlebt“, sagt Augen- und Ohrenzeuge Edgar Böhm, im Brotberuf ORF-Unterhaltungschef, und schlussfolgert: „Die Szene erfindet sich gerade neu.“

Bis auf Christina Stürmer hat in diesem Jahrhundert kein zweiter österreichischer Künstler so viele Tonträger in so kurzer Zeit verkauft, zwölfmal Platin gab es seit Veröffentlichung des ersten Gabalier-Albums 2009. 700.000 Alben und Singles hat er in den ersten drei Jahren seiner Karriere insgesamt verkauft.

Das ist noch vergleichsweise mickrig, wenn man die Gesamt-Verkaufszahlen von Langzeit-Szenegrößen wie den Kastelruther Spatzen aus Südtirol mit rund 20 Millionen Einheiten betrachtet, oder jene des Tirolers Gerhard „Gerry“ Friedle, der als DJ Ötzi mit „Hey Baby“ vor über zehn Jahren sogar die UK-Charts anführte (siehe Tabelle).

Jungbrunnen

Doch der richtig große Markt springt für den Grazer mit dem (echten) französischen Namen ja erst an. 40 Konzerte bei einer Deutschland-Tournee sollen 2013 den endgültigen Durchbruch bringen. Es ist nur mehr eine Frage von Wochen, bis Gabaliers Album „Herzwerk“ im großen Nachbarland Platin für 200.000 verkaufte Einheiten einheimst. Nicht nur in der Yellow Press, sondern auch in den deutschen Qualitätsmedien ist er seit Monaten Stammgast: Die „Süddeutsche Zeitung“ widmete ihm eine ganzseitige Reportage, selbst das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ schrieb wohlwollend über ihn. Barbara Schöneberger verzückte er durch eine Live-Darbietung in ihrer gleichnamigen Talkshow im NDR, im Herbst ist ein Auftritt bei „Markus Lanz“ im ZDF eingeplant.

Er hat seinem Publikum, großteils Angehörigen der Facebook-Generation, eine verstörende Lebensgeschichte zu erzählen, ähnlich wie der bei Pflegeeltern aufgewachsene Friedle oder der Ex-Skifahrer Hansi Hinterseer mit dem zerrütteten Verhältnis zum Vater: Vor fünf Jahren hat sich Gabaliers Vater vor dem Grazer Wohnhaus mit Benzin übergossen und verbrannt. Zwei Jahre später tat es ihm Gabaliers jüngere Schwester nach. Weil das so gar nicht zur heilen Welt passt, die in der Branche inszeniert wird, interessieren sich auch die Nicht-Kernschichten für ihn.

Dazu kommt noch, dass auch die riskante Medienstrategie aufzugehen scheint: Einer, der wie der HAK-Absolvent in „Willkommen Österreich“ von Christoph Grissemann und Dirk Stermann Fragen über den potenziellen Nazi-Gehalt von Trachten mit Gleichmut pariert, macht neugierig. Glaubte man vor zehn Jahren noch, die volkstümliche Musik würde einst mit ihrem Publikum aussterben, also eher früher als später, so lassen sich heute selbst urbane Schichten unter 30 von den musikalischen Wohlfühlwelten ohne Anspruch auf Weltverbesserung ansprechen.

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Rein musikalisch hat das Produkt Gabalier wenig Neues zu bieten, das beruteilt er auch selbst so – ernsthafte Musikkritiker dürfen weiterhin guten Gewissens die Nase rümpfen. Und textlich hat er erst gar nicht die Ambition, sich mit den komplexen Herausforderungen der Moderne auseinanderzusetzen: Es wimmelt in den Gabalier-Songs nur so von „liaben Maderln“, „Bergbauernbuam“, Hymnen an den Kater am Morgen danach etc. Also bedient er die in Krisenzeiten dramatisch angeschwollene Sehnsucht nach Land, nach Lust, nach vermeintlich Echtem und Ursprünglichem, die sich auch in sensationellen Erfolgen von Medien wie dem deutschen Magazin „Landlust“ ausdrückt. Gabalier ist die fleischgewordene, singende „Landlust“.

Der Newcomer hat damit „seine eigene Schublade gefunden, ebenso wie Hansi Hinterseer für Heimat und DJ Ötzi für Party steht“, sagt der Wiener Herbert Fechter, der als Rainhard-Fendrich-Manager bekannt wurde und sowohl Hinterseer als auch Gerry Friedle gemanagt hat.

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Launische Aussichten

Keiner kann derzeit abschätzen, ob der Hype in nachhaltigen Erfolg münden wird. Experten weisen darauf hin, dass es die massenmobilisierende Verbindung von Rock und Volksmusik ja schon einmal gegeben hat: Die Zillertaler Schürzenjäger waren vor 20 Jahren geradezu Kult, ihr alljährliches Open-Air-Konzert im Zillertaler Finkenberg lockte über 100.000 Fans an, auch sie schafften es locker, die Wiener Stadthalle zu füllen. „Doch dann wurden sie zu basslastig, und sie verloren doppelt so viel bei den Alten, wie sie bei den Jungen dazugewannen“, analysiert Manager-Koryphäe Brossmann und fügt hinzu: „Wir alle wissen nicht, wie die junge Zielgruppe, die Gabalier anspricht, in zwei Jahren drauf sein wird.“ Insbesondere die Internet-Generation, die per Mausklick von Konsumwelt zu Konsumwelt hüpft, ist als Publikum eine launische Diva.

Dazu kommt die enorme Strapaz von Hunderten Auftritten pro Jahr. Gabalier selbst hat vor dem Konzert in Kärnten in seiner Garderobe gesagt: „Das Gas, das ich jetzt fahre, geht nicht auf Dauer.“ Universal-Chef Eder hält dennoch eine Gabalier-Karriere für möglich, die „Jahrzehnte“ dauert. „Natürlich ist die Halbwertszeit der medialen Aufmerksamkeit umso kürzer, je stärker er sich zwischendurch einmal herausnimmt.“ Promotor Adlmann, der Gabalier viele tausend Kilometer begleitet hat, weiß am besten, woran es letztendlich hängt: „Entscheidend ist, dass seine Kreativität nicht verloren geht.“

Am Ende hat sich die Nacht über den Faaker See gelegt, Hunderte Finkensteiner Konzertbesucher stehen vor dem Gemäuer der Burgruine um Autogramme an. Sie machen mit ihren iPhones Erinnerungsfotos. Der Mann mit dem violett karierten, heraushängenden Hemd, es ist Sepp Adlmann, hat auch bei der Autogrammstunde alles im Blick. Die hochgewachsene, inzwischen leicht angeheiterte junge Frau in High Heels, noch immer zu knappem Dirndl und mit magentagefärbten Haaren will ein Foto machen, auf dem sie Gabalier ein Busserl auf die Wange gibt. Sie bekommt es. Am Ausgang steht der Stand mit den Fan-Artikeln.

Den ganzen Artikel findet Ihr hier: FORMAT

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