Warum Volkskultur boomt


Immer wieder thematisieren wir auf unserem Blog auch den derzeitigen Trachtenboom oder das zurzeit oft zitierte Wiederentdecken eines Heimatgefühls. Vor ein paar Wochen versuchte der obersteirische Prof. Manfred Prisching in der Kleinen Zeitung die Frage „Warum Volkskultur boomt“ zu erklären.
Natürlich zierte ein Foto von Andreas Gabalier diesen Artikel. Immer wieder wird Andreas hier als Aushängeschild dieses „Booms“ in Verbindung gebracht.
Die Rückbesinnung auf alte Werte, das Wiederentdecken seiner eigenen Volkskultur ist allerdings keine Erfindung eines A. Gabaliers, die begann in der ländlichen Gegend schon einige Jahre früher. Andreas ist Teil dieser Generation, die die alte Tracht der Großeltern entstaubte und sie wieder für sich entdeckte. Unbestritten ist allerdings, dass Andreas mit seiner Musik und seinen Texten diese „Sehnsucht nach Eigentlichkeit“ zu einem Massenphänomen ankurbelte – so sehr, dass sich immer wieder Experten ihre Köpfe darüber zerbrechen.

Auszüge aus dem Kleine-Zeitung-Artikel vom 21.09.12:

Die Volkskultur bietet Halt und Widerstand in Zeiten der Rastlosigkeit. Von der Wiederentdeckung einer exotischen Region namens Heimat.

Aber dann: Lederhosen beim VIP-Event und Dirndlimitate. DJ Ötzi, Herzschmerz, Gabalier. Kernöl und Kärntnernudeln. Sommerfrische, Wallfahrt und Almabtrieb.

„Volkskultur“ – irgendetwas tut sich da. Worum geht es?

Natur, Garten, Kräuter: Kräutersammeln für den Tee, blühende Pflanzen im Garten, Aromen und Essenzen, Johanniskraut und Brennnessel . . .

Essen: lokaler Schafkäse, Schweinsbraten à la Großmutter, Kirchtagssuppe; Schnaps ansetzen; Lebzelter, Klachelsuppe und Sterz . . .

Handwerk und Produktion: Ziehharmonika herstellen, Madonna schnitzen; alte Tongefäße, Keramikmalerei, Fassbinder und Korbflechter . . .

Wohnen, Alltag: Altes restaurieren, Jogltisch . . .

Brauchtum: Feste im Jahreslauf, Perchtenlauf und Narzissenfest, Volkslieder und -tänze, Blasmusik und Gesangsverein, Totenwache und Begräbnisprozession . . .

Kleidung: Tracht und Lodenjanker, Sticken und Klöppeln, Goiserer . . .

Aberglauben und Mythen: Sonnenwende, Wallfahrt, Räuchern, Mistel, Wacholder . . .

Warum ist das alles nicht längst tot, hinweggewischt von einer aufgeklärten und globalisierten Modernität?
Generell ist das Museale attraktiv: Hochachtung vor den alten Dingen, bewahrenswerte, unantastbare Gegenstände, sie haben eine „Aura“. Das einfühlende Nacherleben der eigenen Herkunft. Am Land ist ja ohnehin Einiges bewahrt worden, und in der Stadt profitiert paradoxerweise das Volkstümliche von der Multikulturalisierung. Wenn Migration heute heißt, dass die ganze Welt nach Europa kommt, wenn Verschiedenartigkeit der Lebensstile alltäglich erlebbar ist, dann wird auch die eigene Kultur, die oft als veraltet, dörflich, provinziell beschrieben wurde, im Konzert vieler Kulturen wieder „interessant“. Jene Generation, die sich vom Heimatgetue des Nationalsozialismus distanzieren und deshalb kindischerweise „Heimat“ bekämpfen wollte, ist alt geworden; die nächste Generation kann das wieder mit mehr Unbefangenheit, ja Zuneigung wahrnehmen, gerade weil es für sie beinahe exotisch geworden ist.

…..

Freilich wird die Volkskultur ebenso geliebt wie verachtet. Aus der Sicht der Hochkultur hat der „Pöbel“ lange keine Beachtung verdient. Erst in der Romantik des 19. Jahrhunderts erwachte das Interesse an der Volkskultur, an Volksliedern, Volksmärchen, Volksbräuchen. Dazu kommt die Populärkultur: Trivialliteratur, populäre Musik, Entertainment. Im Zuge der Industrialisierung und Urbanisierung hat sich die Volkskultur aber immer stärker in die Natur und in das Landleben zurückgezogen. Sie wurde „rückständig“, Opposition zur modernen technischen Welt. Einerseits: Technik, Stadt, Moderne, Horizont. Andererseits: Land, Handwerk, Ineffizienz, Sklerose, Beengtheit. Doch bald kam auch die Kritik an der Stadt auf: Anonymität, Entfremdung, Lärm; und im Gegensatz dazu wurde das Ländliche wieder aufgewertet: als Ort der Eigentlichkeit, der Stille, ja des eigentlichen Menschseins. Auch das war oft mehr Sehnsucht als Wirklichkeit: Denn zuweilen besteht gerade auf dem Land nicht besonders viel Interesse für das eigene Erbe.

Da sich mit allem, was starke Gefühle auslöst, Geld verdienen lässt, gibt es auch viel Vorgaukelung von „Volkskultur“: Schlager. Kitsch. Urig-naturnahe Werbung: der Senner und der Käse im Holzbottich – obwohl die wirkliche Kuh in ihrem ganzen Leben nicht einmal aus der Ferne eine Alm gesehen hat.

Historisch interessante Bezirke, Gemeinden, Anlagen oder Bräuche werden durch die Inszenierung als touristische Attraktionen ebenso oft gerettet wie vernichtet. Gerettet, weil man sie sonst verkommen ließe. Vernichtet, weil sie zu Disneylands werden, zu reinen Touristenbezirken. Ganze Dörfer werden forciert „rustikalisiert“. Freilich wird das Authentische zuweilen auch erst erfunden. Schließlich gibt es den Weihnachtsbaum erst ab dem 16. Jahrhundert, die Ostereier ab dem 17. Jahrhundert. Das erste Narzissenfest wurde 1960 als Frühlingsfest für die Gäste des Ausseerlandes durchgeführt.

Man mag den Drang zum Volkstümlichen als eine Art von „Nischenkultur“ ansehen: Lederhose ist Spaß. Aber vielfach ist es auch echte Sehnsucht nach einem „anderen“ Leben. Viele wollen auch den Schund nicht mehr kaufen, der die „Mitte des Marktes“ beherrscht – etwa den Nahrungsmittelmüll, den wir tagtäglich einnehmen sollen. Die Gegenbewegung weist sozialstrukturell eine interessante Kombination auf: Regionalität, Frische, Kräuter, Saisonalität sind einerseits eine Sache der erstklassigen Restaurants, andererseits ist dies im dörflichen, traditionellen, heimischen Bereich manchmal noch selbstverständlich. Großmutter und Starkoch bilden die neue Allianz: Widerstand gegen eine Welt, in der alles vorgefertigt, verpackt, abstrakt ist.

Was also ist das Attraktive an der Volkskultur?

Leserbriefschreiber sagen es: Balsam für die Seele. Besinnung auf das Wesentliche. Naturwissen. Endlich keine Skandale und Beziehungsprobleme. Abkehr von Konsumorientierung. Ruhe und Sinnlichkeit. Erinnerungen an die Kindheit. Keine Unterwerfung an den verordneten Zeitgeist ( z.B. sinnlose Vorschriften aus dem fernen Brüssel?) . . .

Einerseits ist die Folklore eine spaßige, exotische Sache. Andererseits finden viele darin Kompensation und Korrektur für eine verwirrte Spätmoderne, die ihre Maßstäbe verloren hat.

Ein Artikel zum Nachdenken – auch die Kritiker, die immer wieder aus unerklärlichen Gründen, auf die „HEIMAT“ einprügeln müssen. Sie sollten einmal darüber nachdenken, warum just in den so genannten modernen Städten viele Einheimische regelrecht auf das Land flüchten, wie es Karl Hohenlohe in einem Kurier-Artikel beschrieb!

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