Rückblende – einen Tag unterwegs mit Andreas Gabalier


Im Rahmen unserer Rückblicke möchten wir heute einen Artikel aus dem, im Vergleich zur Regenbogenpresse, seriösen Magazin FOCUS wiedergeben.
Einen Tag unterwegs mit Andreas Gabalier  in Deutschland:
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Schön sind sie, die Hügel und die Berge, die Höhen und die Täler dazwischen. Wunderbar ist das Wogen und Wiegen der Landschaften. Andreas Gabalier nimmt den Filzstift, den dicken, schwarzen. Und er schreibt seinen Namen auf all das, was ihm zu Füßen liegt, auf all die weiblich gerundete Schönheit.„Jetzt holt er mich endgültig, der Teufel“, sagt er noch. Dann schwingt er wieder den Stift, und wieder ist ein wogendes, wiegendes Dekolleté, das sich ihm aus dem Dirndl entgegenpresst, gezeichnet: „Andreas Gabalier“. Es wäre schade, wenn der Teufel ihn gerade jetzt holte, hinab in die Hölle. Jetzt, wo Andreas Gabalier, 27, eben erst im Himmel angekommen ist.heilbrDie Himmelsleiter brauchte für ihn nur drei Sprossen. Drei Jahre, drei CDs, 700000 Verkäufe, zwölfmal Platin. Allein schon dieser Verkauf der sogenannten Tonträger macht Andreas Gabalier zum Hoffnungsträger in einer Branche, deren Kundschaft auf der einen Seite ins Internet abwandert und auf der anderen Seite ins Grab fällt. Hier Download und dort Überalterung – und dazwischen der 27-Jährige. „Das ist doch das Problem der Volksmusik“, hat der „Volks-Rock-´n´-Roller“ erkannt: „Irgendwann ist das Publikum weg. Dann spuist auf dem Friedhof, hart g´sagt.“ Sein Jungbrunnen sprudelt. Auf 20 Millionen Euro hat gerade ein österreichisches Wirtschaftsmagazin den Umsatz des Volks-Start-ups taxiert. In der Stadthalle Wien umtobten ihn 12000 Fans, und Mitte Oktober, wenn der Konzertmitschnitt auf DVD erscheint, wird die Kasse noch eine Himmelsstufe höher klingeln.Jetzt hat Rock-´n´-Roller Gabalier gerade Sinn für die härteren Töne. Es ist abends, kurz vor sieben. In der Stadthalle in Heilbronn sitzt er in einem Keller, der „Catering“ heißt. Mit Messer und Gabel zerstückelt er paniertes Fleisch, das sich niemals Wiener Schnitzel nennen dürfte, und er zerlegt zeitgleich das Konzert, das in Kürze beginnen soll und dem er am liebsten seinen Namen entziehen würde. „Da steht ,Andreas Gabalier´ auf dem Plakat“, schimpft er, „und wo das draufsteht, sollen die Leute auch Andreas Gabalier bekommen.“Nur eine Stunde Auftritt? „Scheiße.“ Und das mit Halb-Playback? „Scheiße.“ Zu allem Überfluss eine bestuhlte Halle? „Wieder Scheiße.“ Wer das gebucht habe, mault er. Darüber werde man reden müssen. Dann lässt er das Schnitzel liegen, seinen Ärger auch. Draußen treffen die letzten Konzertbesucher mit dem Stadtbus ein. Die Endstation heißt tatsächlich: „Harmonie“.

Noch eine halbe Stunde bis zum Konzert. Andreas Gabalier macht sich auf den Weg. „Love Me Tender“, knödelt er Elvis auf der Treppe, um die Stimme weich zu machen, es folgt Freddy Quinn mit „Große Freiheit Nr. 7“. In der Garderobe genügen fünf Minuten. Er knöpft die Jeans auf. Über die Unterhose in Lindgrün, rustikal ausgestattet mit Latz und Trachtenmuster, zieht er Arbeitskleidung: eine seiner sechs Lederhosen. In die Taschen steckt er sich noch ein paar der rotweiß-karierten Tücherln, mit denen er sein Publikum glücklich machen wird, wenn beide schweißnass sind – die Tücher und die Zuhörer.

Der Dresscode heißt: Tattoo und Dirndl. Die „feschen Madeln“ drängen an die Bühne. Gleich zu Beginn fliegt ein BH. Das Publikum kreischt, sobald Andreas Gabalier ihm den Rücken zukehrt. Die Frauen wollen den „Oaschwackler“ sehen. Sie verlangen sein Markenzeichen, dass er die Hüften kreisen lässt und ihnen zusätzlich zur Haartolle oben den Elvis auch untenherum gibt. Und Gabalier schenkt ihnen seinen Lederhosen-„Oasch“. Direkt vor der Bühne ertrinkt zwischen den Brüsten einer Besucherin die Plüschkuh Andreas, acht Euro im Zubehörhandel, in den Schweißbächen, die sich nach dann doch zwei Stunden Konzert wie Wasserfälle ins Dirndl hinabstürzen. Die geschürzten Lippen vieler Frauen lassen ahnen, dass ihnen dieser Bursch aus Graz nicht allein in den Kopf fährt. „Die Frauen“, hat Andreas Gablier gelernt, „horchen nicht nur mit den Ohren.“

Gabalier gibt der Volksmusik Sex. Bisher durfte die nur die Berge lieben, die Seen, die Heimat. Bei Gabalier schauen die „feschen Madeln“ den „flotten Buam“ nicht nur tief in die Augen. Draußen „auf dem Bankerl“ setzen sie sich „auf den flotten Buam drauf“. Darauf reimt sich: „Bluserl auf“.

383505_381583215243626_509356770_n„Hast die Madeln g´sehn mit den Tattoos?“, fragt Andreas Gabalier, als er gegen Mitternacht aus der „Scheiß“-Halle stiefelt mit den „Scheiß“-Stühlen und dem „Scheiß“-Playback: „Lustig war´s!“

Bei der Fahrt ins Hotel durchblättert er die bunten Magazine. Der österreichische „Leading Ladies Award“ hat ihn gerade erwählt zum „Mann des Jahres“. Heute Abend beschäftigt ihn anderes: Soll er da oben im dritten Stock im Fitness-Studio noch eine Runde laufen? Oder morgen früh seine 40 Minuten schwimmen, je zur Hälfte Rücken und Brust: „Da spürst du alles!“ Sein Körper ist ihm wichtig, sagt Andreas Gabalier, vor allem die Zähne. Und das nicht allein fürs Fernsehlächeln. Das verdankt er seiner Mutter. Die „Mama“ hat das Geld für die Spange beim Essen eingespart. Auch dem Vater, findet er, hat er viel zu verdanken.

Wilhelm Gabalier ist im August 2006, wie die Todesanzeige von damals festgehalten hat, „im 53. Lebensjahr unerwartet zum Herrn heimgegangen“. Der Vater hatte sich mit Benzin übergossen und verbrannt. Warum? Der Sohn will es nicht wissen. Und hofft, dass nie ein Abschiedsbrief Antwort geben wird. In der Todesanzeige stand die Bitte, „für die Ausbildung seiner Kinder zu spenden“. Zwei Jahre später folgte die zweite Todesanzeige der Familie. Auch die jüngere Schwester griff zum Benzinkanister, mit 19.

„Du kannst der Traurigkeit im Leben nicht weglaufen“, hat Andreas Gabalier gelernt. „Die Angst hilft dir eh nicht. Von so einem Moment an gehst du weiter mit dem Gedanken: Das war das Schlimmste im Leben. Das erleichtert das Weitergehen.“

Am nächsten Morgen früh um Viertel vor acht wirkt Gabalier kleiner, schmaler. Das Aufstehen war heute Frühsport genug. Ein Käppi verbirgt die Elvis-Tolle. Nach dem Frühstück hat er 453 Kilometer vor sich. Hoch in Richtung Norden. Hinab ins Eingemachte der Volksmusikszene.

Hinter der Freilichtbühne Tecklenburg hängt für die „Schlager-Gala 2012“ der Ablaufplan. „17.01 Uhr: Herr Mross, Stefan – Moderation. 17.20 Uhr: Frau Freudenberg, Ute – zwei Titel solo. 17.40 Uhr: Herr Gabalier, Andreas – Auftritt.“

„Bier gibt´s koans?“, fragt Andreas Gabalier in die Runde. „Naa“, antwortet einer, „mir san anständige Künstler.“ „Zu viel ,Musikantenstadl´ g´schaut, oder?“, gibt Gabalier zurück. Dann macht er sich auf einen Rundgang um die Bühne. Er findet eine Dekoration mit violetten Tüchern, links und rechts hängen Plastikrosen. It´s only Rock ´n´ Roll? Ein Volks-Rock-´n´-Roller muss auch Kuscheltier sein im Streichelzoo.

Während Stefan Mross den Gute-Laune-Arbeiter gibt, greift hinter der Bühne Gabalier zur Gitarre und spielt für die Musikerkollegen, wieder ist Freddy Quinn dran. Dann heißt es Volks-Rock´n´-Roll. Mit schweren Stiefeln steigt er auf die Bühne. Das Publikum, soweit es noch kann, tanzt mit. Einen Song streicht der Rock-´n´-Roller, aus Rücksicht aufs Alter der Zuhörer. „Des woa“, sagt er danach, „des Härteste, wos wir je hatten.“

Abends um neun beschließt er, den gebuchten Rückflug am nächsten Tag verfallen zu lassen. Lieber steigt er in den Tourbus zu Technik und Techniker. 1000 Kilometer nach Graz? Eine Nacht auf der Autobahn? Andreas Gabalier will nur eines. Heim. Heim halt. Heimat.
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Ein Gedanke zu „Rückblende – einen Tag unterwegs mit Andreas Gabalier

  1. Daniela Hofmann

    Toller Artikel. Ja, auch Andreas Gabalier ist ein richtiger Mensch, wie jeder von uns. Aber er hat etwas, womit er uns immer wieder erfreut-seine Musik! Schön, dass es ihn gibt!

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