Aschermittwoch: Dem Leben näherkommen


Die Fastenzeit als Selbstbesinnungsprojekt und als sanfter Appell an das Weniger anstelle des Mehr. Gedanken zum Aschermittwoch…..

Die rote Nase können wir wegpacken, es ist der Aschentag, die Fastenzeit. In einer jauchzenden Gesellschaft eine widerwärtige Erinnerung. Eine Irritation für die Begeisterung über sich selbst. Eine unmoderne Erinnerung – irgendwie schwebt das „Verzichten“ im Raum. Einst war das soziale Leben ein Kreis, jetzt ist es ein Pfeil – das heißt, es ist aus dem Zustand der Wiederkehr in jenen der Grenzenlosigkeit umdefiniert worden. Die Moderne hat den Horizont geöffnet: Endlosigkeit, Unbeschränktheit, Steigerung. Mehr Wachstum, mehr Fortschritt, mehr Wettbewerb, mehr Technik – mehr Fernsehkanäle und mehr Joghurtsorten. Alles können wir aussuchen. Alles ist möglich. So verstehen wir das bessere Leben. Schrumpfung ist Krise. Verzichten ist asozial – gefährdet Arbeitsplätze.

Wir haben dem zukunftsoffenen Denken viel zu verdanken, viel Bequemlichkeit, eine höhere Lebenserwartung. Dennoch endet die Vision der Grenzenlosigkeit bei der kollektiven Logik und der individuellen Disposition einer Maßlosigkeit, die nicht nur die Welt zerstört, sondern aus den Menschen auch sonderbare Tretmühlenathleten macht. In diese Maschinerie drängt sich nun der Aschermittwoch, als Einbegleitung zur vierzigtägigen Fastenzeit, als Kontrast zu jener Alltäglichkeit, die aus Eile und Eifer besteht: als sanfter Appell an das Weniger anstelle des Mehr.

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Der Aschermittwoch steht für Einfachheit: Mäßigung nicht nur in den Kalorien. Der Hinweis, dass man sich auf die „einfachen Dinge“ besinnen kann, ignoriert nicht die Härte von Armut, er romantisiert nicht Vergangenes und vorgegaukeltes Folkloristisches, er lobt nicht intellektuelle Zeitgeistläufigkeit. Aber das Fasten ist jedenfalls mit den Kinkerlitzchen der Super-Gastronomie unverträglich, der Heringschmaus muss nicht in eine exotische Darreichung umgewandelt werden. „Einfach“ meint die einfachen Dinge: das erlebte Leben, das Wahrnehmen und Schauen, die Unmittelbarkeit. Damit ist weder Primitivität (ein Lob der erzwungenen Kargheit) noch Trivialität (die Freiheit, nicht mit dem Denken belästigt zu werden) gemeint, vielmehr die Hoffnung: Man könnte dem Leben näher kommen, wenn man sich nicht zumüllt mit den Überflüssigkeiten. Wir leben in einer reichen und komplexen Gesellschaft, mit Vorzügen und Nachteilen, im „demonstrativen Konsum“. Einfachheit wendet sich gegen Plastikgerümpel, Mode-Schnickschnack und Chemie-Nahrung.

Manchmal ist weniger mehr. Einfachheit ist deshalb nicht notwendig das Schicksal der Verlierer, sondern manchmal auch das Rezept zum Gewinnen. Die Fastenzeit, die Zeit des Verzichtens, kann als Selbstbesinnungsprojekt verstanden werden: Wenn die Bedürfnisse unbegrenzt scheinen, handelt es sich vielleicht um skurrile Bedürfnisse.

SONY DSCDer Aschermittwoch steht für Selbstreflexion. Er vermittelt uns die sensationelle, weithin aus dem Gedächtnis geschwundene Botschaft, dass wir sterblich sind. Diese Wahrheit kann auch durch die Spekulation auf ein postmortales Shopping Centeroder eine Wiederholungsrunde im nächsten Leben nicht verdrängt werden. Denn hier und jetzt stellt sich nicht nur die Frage, was wir noch alles wollen könnten, sondern auch die Frage, was es wert ist, im begrenzten Leben noch untergebracht zu werden. Es gibt mehr Möglichkeiten, als Zeit und Kraft erlauben. Was der Sinn des Lebens ist, das mag unentschlüsselbar sein; aber es gibt gute Gründe anzunehmen, dass er nicht darin besteht, auf dem Friedhof als jener zu liegen, der seinerzeit das größte Auto gefahren hat.

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Der Aschermittwoch ist schließlich eine Erinnerung an Transzendenz, für manche, im säkularisierten Europa für immer weniger Menschen. Aber selbst jene, die mit dem Datum und den Ritualen keine weiterreichenden religiösen Vorstellungen verbinden, stoßen zuweilen in ihrem Leben, gerade bei bestimmten, oft bei unvermuteten Anlässen, auf das vage Gefühl: Da war doch noch etwas. Etwas anderes als die Winterreifen, die Banküberweisung und die neue Sporthose.

Man kann ergriffen werden von etwas, was jenseits der eigenen Person liegt, und ein leichtes Unbehagen steigt auf, weil man es nicht fassen kann. Auch dafür steht der Aschermittwoch, diesem anderen nachzuspüren, ohne es gleich wegzuwischen oder abzutun. Man kann freilich auch davor flüchten, in eine harmlose Sicherheit der Verweigerung. Der Aschermittwoch begleitet jene vierzig Tage ein, in denen wir so tun können, als würden wir nicht auf den Frühjahrsabverkauf, sondern auf Ostern zuleben.

Diese Gedanken zum heutigen Aschermittwoch haben wir in der Kleinen Zeitung gefunden!

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