Kinopremiere von „Schlagerstars“


Ein Dokumentarfilm über Schlagerstars, der gestern in Graz bei der Diagonale Weltpremiere feiert, verheißt wohl nichts Gutes für diese Musikgenre, wenn sich die Ankündigung im Kurier wie folgt liest:

„Man muss nicht Schlagerstar sein, um ‚Schlagerstar‘ zu mögen“, so Diagonale-Chefin Pichler im Vorfeld zu  Doku über den mehrfach Platin-ausgezeichneten Volksmusiker Marc Pircher. „Schlagerstar“ gibt Einblicke in die österreichische Volksmusikszene mit all ihren Abgründen, Klischees und „Arschkriechereien“. Und auch wenn das Diagonale-Publikum wohl eher nicht zur klassische Zielgruppe von Marc Pircher, Hansi Hinterseer und Andreas Gabalier gehört, kam es dennoch in Scharen, um sich von dem Irrsinn mal ein Bild zu machen.

Abgründe, Irrsinn,….-  in nur drei Sätzen spart man nicht mit negativen Begriffen um die Schlagerszene zu beschreiben (typisch KURIER).
Allerdings versprechen die Filmemacher von „Schlagerstars“ auf ihrer offiziellen Homepage ein objektives Licht auf diese Szene geworfen zu haben, einen Blick hinter den Kulissen derTraumfabrik Schlager. Sie begleiteten den Musiker und Sänger Marc Pircher durch Festzelte, Landdiscos und Musikantenstadln und erkundeten dabei die Licht- und Schattenseiten der Hitfabrik. Eine unsentimentale Reise durch die Welt der sentimentalen Lieder.

Die aufgenommenen Bilder gingen in den Schnitt, und auch da ist das Ergebnis wertungsfrei, von manipulativ weit entfernt. Kennt man die Szene, dann gilt ein „es ist, wie es ist“. Der Film zeigt ein Geschäft. Punkt. Hinter den Kulissen geht es klarerweise anders zu als davor. Gagen, CD-Verkäufe, TV-Auftritte und Charts sind die Parameter, die es bestmöglich zu schaffen gilt. Der Markt dafür liegt vor der Haustüre. Zwischen Neusiedlersee und Kiel ist Schlagerland. Schlager ist jenes Genre, in dem österreichische Musiker die größten kommerziellen Exporterfolge feiern. Entsprechend stark ist der Verteilungskampf und ebenso hart ist der Job.

10_Schlagerstar_RGBDer Film „Schlagerstar“ zeigt dem Zuseher auf nahezu entwaffnende Art, was es für den Star heißt, immer am Drücker zu bleiben, damit sich das Karussell stetig dreht. Klinkenputzen, Tag und Nacht im Auto, auf der Bühne, Promotion, Fernsehshows, die Radioeinsätze befeuern, sich um die Fans kümmern… Pircher, der „Schlagerstar“, wird den Kritikern des Genres Munition liefern, denn der Film zeigt das Geschäft und lässt die Kulissen Kulissen sein. Auch wird der Film die Fans nicht ratlos oder gar enttäuscht aus dem Kinosessel entlassen, denn selbst dem gutgläubigsten Schlager-Fan ist klar, dass alles, was auf der Bühne, am TV-Schirm passiert, Teil einer gut geplanten und orchestrierten Inszenierung ist. Die Fans wissen, dass sie sich mit dem Ticket für die Show temporär in eine Traumwelt begeben.

Abgesehen von der handwerklichen und dramaturgischen Qualität, die den Film zu einem herausragenden Doku-Werk macht, ist vor allem erstaunlich, dass Marc Pircher den Mut zu der Geschichte hatte. Sich nicht weg duckte, nicht in den Stadl-Kulissen und Pappmache-Bäumen versteckte, sondern zu dem steht, was da auf der Leinwand zu sehen ist. Pircher, der gnadenlose Selbstvermarkter, wird sich den Kritikern, die eh immer schon alles gewusst haben, stellen müssen, und derer gibt es erfahrungsgemäß nicht gerade wenige. Er wird seine Argumente finden, und er steht das durch, denn mal ganz ehrlich: Glaubt irgendwer, dass es im Rock-Zirkus anders läuft?

In einem Interview auf ihrer Homepage erfährt man von den beiden Filmverantwortlichen weiters:

Marc Pircher betont immer wieder die Wichtigkeit, mit seinen Fans in Kontakt zu bleiben. In einigen Szenen kann man beobachten, wie diese Kontaktpflege als Routine abläuft: Autogramme, Fototermine auf einem Ausflugsschiff, usw. Haben diese Momente nicht auch etwas Entblößendes?

Antoniazzi: Unsere Absicht war es, beim Zuschauer den Gedanken zu ermöglichen, was Pircher den Leuten eigentlich verkauft, ohne ihn zu desavouieren. Führt er die Fans hinters Licht, erfüllt er eine Mission – oder macht er nur seinen Job? Gerade weil diese Szenen entsprechend dauern, kann man erkennen, wie wichtig und zugleich anstrengend es für Pircher ist, für jeden Einzelnen ein nettes Wort und ein Lächeln parat zu haben. Dafür braucht man kein Mitleid mit ihm zu haben, aber ihn auch nicht bloßzustellen.
Stadlober: Gleichzeitig geht er mit dieser Art von Zweckbündnis mit seinen Fans unverblümt um und verheimlicht überhaupt nicht, dass die Beziehung zu ihnen auch harte Arbeit ist. Die Fans sind die Basis für sein Geschäft – das weiß er, und das zeigen wir auch.

Auffällig sind die wiederkehrenden politischen Statements, sowohl auf der Bühne als auch bei TV-Interviews. Hier präsentiert sich Pircher als moderater EU-Kritiker mit einer gehörigen Portion Heimatstolz. Wie wichtig war es für Euch, diesen nationalpolitischen Aspekt der Unterhaltungsmusik in den Film einzubringen?

Stadlober: Diesen Aspekt darf man nicht aussparen, denn der Chauvinismus spielt in dieser Branche eine große Rolle. Explizit politische Aussagen sind zwar eher selten, die Schönheit der Heimat, „Preußenwitze“ und Sexismus sind aber Dauerthemen. Man sieht anhand zweier Szenen, in denen der Heimatbegriff thematisiert wird, vor allem in geografischer Hinsicht aber auch einen recht pragmatischen Umgang damit. Andererseits ist Pirchers „Österreich-Lied“ der einzige Song, bei dem er nie das Pathos bricht.
Antoniazzi: Wichtig ist zu sehen, wofür „Heimat“ in der volkstümlichen Musik eingesetzt wird. Bei Pircher kann man gut erkennen, wie er den Begriff wie für einen Setzkasten verwendet, sich aber nie persönlich positioniert.

Ich werde mir diesen Dokumentarfilm ansehen und bei gegebener Zeit eine eigene Filmkritik für unsere Leser verfassen – denn natürlich gibt es mehr Parallelen zwischen einem Marc Pircher und Andreas Gabalier als ihre gemeinsamen Auftritte auf diverse Festivals.

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5 Gedanken zu „Kinopremiere von „Schlagerstars“

  1. Christopher Dolmetsch

    Sogar Bach, Mozart und Beethoven wurden in ihren Zeiten streng kritisiert. Man hat sogar gesagt, dass Mozart „schwachsinnig“ war. Solche Kritik wird es immer geben. Das sagt uns mehr ueber die Kritiker als ueber die Musiker!

  2. Andrea Wagner

    Ich war vorgestern in Graz bei der Diagonale und habe den Film gesehen. Natürlich war ich gespannt, wie die Fans dargestellt werden, meistens werden wir ja als Freaks bezeichnet.
    Das ist in diesem Film aber zum Glück gar nicht so. Die Macher haben sich echt bemüht, zu zeigen, wie es wirklich ist. Und obwohl ich oft auf Konzerte gehe und einige der Künstler auch persönlich kenne, habe ich viel neues erfahren.

  3. Macht Euch selbst ein Bild! Am 29. Mai ist Premiere in Wien und am 31. Mai 2013 österreichweiter Kinostart. Alle Termine findet ihr unter http://www.schlagerstar-derfilm.com

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